27. Mai 2006 am Kiessee

Dmitri Schostakowitsch - Festliche Ouvertüre

„Der sowjetische Komponist muß seine Hauptaufmerksamkeit auf die sieghaften, fortschrittlichen Urquellen der Wirklichkeit lenken, auf die heroische Klarheit und Schönheit, die die Seelenwelt des sowjetischen Menschen auszeichnet. Das alles muß mit musikalischer Bildhaftigkeit erfaßt werden, die voller Schönheit und lebensbejahender Kraft ist.“

So verkündete die neu gegründete Fachzeitschrift Sowjetskaja Musika im Jahre 1934 das Kunstprogramm des kommunistischen Systems. Sozialistischer Realismus bedeutete für die Kunst Monumentalität, Optimismus und Volkstümlichkeit, aber auch Vereinheitlichung und Konfliktlosigkeit. Nach außen mußte stets der Schein des systemkonformen Künstlers bewahrt werden, wollte man nicht der großen „Säuberung“ Stalins zum Opfer fallen. Innerlich ließen sich es jedoch viele Künstler nicht nehmen, auf ironische, zuweilen sogar sarkastische Art und Weise die Mechanismen des totalitären Systems, wie Gleichschaltung und Zentralisierung, heftig zu kritisieren und karikieren.

Nachdem 1936 in der Prawda die vernichtende Kritik „Chaos statt Musik“ erschienen war, konnte Dmitri Schostakowitsch seine programmatischen Absichten erst recht nur noch verschlüsselt in seinen Werken verarbeiten. Ironische Verfremdung bis zur Groteske wurden zum wichtigsten Stilmittel des Komponisten, der zeitlebens aufmerksam die politischen, geistigen und künstlerischen Tendenzen in seiner Umgebung wahrnahm.

Die Festliche Ouvertüre op. 96 ist ein Gelegenheitswerk, das für den 37. Jahrestag der Oktoberrevolution geschrieben wurde und seine Premiere am 6. November 1954 hatte. Lev Nikolayevich Lebedinsky erinnert sich an die eilige Entstehung der Ouvertüre:

„Schostakowitsch komponierte die Festliche Ouvertüre vor meinen Augen. Sie wurde in Auftrag gegeben von Vasili Nebolsin, einem Dirigenten am Bolshoi-Theater, der ein Meister darin war, Kompositionen für jeden denkbaren Staatsfeiertag oder feierlichen Anlaß zu schreiben. Diesmal war aus irgendeinem Grund nichts Geeignetes parat für die Feierlichkeiten der Oktober-Revolution. Nebolsin steckte in der Klemme. Sehr wenig Zeit verblieb, Proben waren bereits einberufen, es waren noch keine Stimmen fertig und was noch viel schlimmer war, es gab noch nicht einmal das Stück. In Verzweiflung besuchte Nebolsin Schostakowitsch in deßen Wohnung. Zufällig war ich auch anwesend.

„Siehst du Dmitri, wir sind in der Klemme. Wir haben nichts, womit wir das Konzert beginnen können“ – „Geht klar“ erwiderte Schostakowitsch. Nebolsin meinte daraufhin, er würde, sobald das Stück fertig sei, einen Kurier vorbeischicken, der es abholt, und einen Kopisten besorgen. Und damit verschwand er. Dmitri mit seinem sonderbaren, unberechenbaren, gerade zu schizophrenen Charakter glaubte, ich würde ihm Glück bringen, obwohl ich ihm meines Wißens nie besonders viel Glück gebracht hatte. Er sagte: „Lev Nikolayevich, setz dich hier neben mich und ich werde die Ouvertüre so schnell wie möglich schreiben“. Dann begann er zu komponieren.

Die Geschwindigkeit, mit der er schrieb, war wirklich erstaunlich. Zudem konnte er sich, während er Unterhaltungsmusik schrieb, unterhalten, scherzen und gleichzeitig komponieren – wie der legendäre Mozart. Er lachte und kicherte, derweil ging die Arbeit weiter und die Musik wurde notiert. Nach ungefähr einer Stunde rief Nebolsin an: „Hast du etwas fertig für den Kopisten? Sollen wir einen Kurier kommen laßen?“ Es gab eine kurze Pause und Dmitri antwortete:

„Schick ihn her.“ Zwei Tage später fand die Hauptprobe statt. Ich eilte hinunter zum Theater und hörte dieses brillante, vor Temperament nur so sprudelnde Stück, mit seiner lebhaften Energie, überschäumend wie eine soeben geöffnete Champagnerflasche.“

Lilli Mittner
Leonard Bernstein - Suite aus der West Side Story
Satzbezeichnung
  • Prologue
  • Somewhere
  • Scherzo
  • Mambo
  • Cha-Cha
  • Meeting scene
  • Cool
  • Fugue
  • Rumble
  • Finale

Leonard Bernstein – Komponist? Pianist? Dirigent? „Recording Artist“? Musikpädagoge?

Seine Schwester Shirley sagte 1967: „Wenn Lenny ins Zimmer tritt, ändert sich die Temperatur. Er verändert das Klima.“ Zeitgenoßen schildern ihn als äußerst vielseitig begabten, sehr intelligenten, charismatischen, kontaktfreudigen und empfindsamen Menschen.

Tatsächlich schrieb der in Lawrence, Massachusetts, USA geborene Leonard Bernstein (1918-1990) neben Symphonien, Musicals, Musikkomödien, Balletten und Opern, Orchestersuiten, Solokonzerte, Chorwerke sowie Kammer-, Film- und Klaviermusiken.

Er begann das Klavierspiel im Alter von 10 Jahren und nahm 1935 ein Klavierstudium an der Harvard University auf, wo er zusätzlich Kurse in Philosophie, Ästhetik, Literatur und Sprachwißenschaften besuchte. Im Curtis Institute Philadelphia studierte er Dirigieren bei Fritz Reiner, bevor er 1943 Aßistenzdirigent der New Yorker Philharmoniker wurde.

Mit nur 25 Jahren wurde er über Nacht berühmt, als er kurzfristig für Bruno Walter bei einem Radiokonzert mit den New Yorker Philharmonikern einsprang. Bernstein war später Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker, dirigierte u. a. das Israelische Philharmonische Orchester sowie die Wiener Symphoniker und leitete die Festival-Orchester in Tanglewood, Schleswig-Holstein und Sopporo. Als Dirigent und Interpret nahm er mehr als 300 Alben auf. Er hielt Vorträge an Universitäten sowie im Rahmen von Fernsehsendungen und schrieb Bücher über das Wesen der Musik.

„Warum schreiben Sie nicht mal eine nette Gershwin-Melodie?“ ist der Titel des 3. Kapitels aus Bernsteins „Freude an der Musik“. In einem erdachten Gespräch mit seinem Manager lässt er ihn sagen: „Sie sollten sich George zum Vorbild nehmen. […] Er schrieb Melodien, einfach und schlicht, zu Dutzenden. Melodien, an die man sich erinnerte und die einem nicht aus dem Kopf wollten. Er schrieb für die Leute und nicht für die Kritiker. Sie müßen lernen, einfach zu sein, mein Junge.“ Hierauf antwortete Bernstein: „[…] Man müße sich nur in den Geisteszustand eines Idioten versetzen und irgendeine blödsinnige Hillbilly-Melodie verfaßen. […]“ Aber das wollte ihm nicht gelingen, da er „schon eine Symphonie geschrieben [hatte], ehe er je an Schlager dachte.“Dabei würde er sich so glücklich schätzen, „auch nur einmal jemanden zufällig eine seiner Melodien pfeifen zu hören.“

Das sollte sich 1957 ändern: der Uraufführung seines von Shakespeares „Romeo und Julia“ inspirierten Musicals „West Side Story“ in Washington D. C. folgten 772 Broadway-Aufführungen innerhalb von zwei Jahren. Komponiert von Februar bis August 1957 unter Verwendung der Gesangstexte von J. Robbins und des Buches von A. Laurents, enthält das Werk Lieder, die bis heute bei hoher musikalischer Güte nicht an Popularität verloren haben.

Die beiden rivalisierenden jugendlichen Banden der New Yorker West Side, die US-amerikanischen „Jets“ und die puertoricanischen „Sharks“, werden mit Hilfe nord- bzw. lateinamerikanischer Tanzrhythmen cha¬rak¬terisiert. Der Kampf gegen einander und gegen die sie vernach¬läßigende, sozial hierarchisch geordnete, autoritäre Welt der verständnislosen Erwachsenen sowie die Grenzen überschreitende, tragisch endende Liebe zwischen der puertoricanischen Maria und dem „Jet“-nahen Tony werden in einer Verschmelzung von symphonischen wie jazz¬nahen Klängen, poetischer Lyrik, Straßenjargon und Tanz beschrieben.

1961 wurde das Musical verfilmt und mit 10 Oscars gewürdigt.

S. Ramin und I. Kostal, die die Orchestrierung für den Film übernommen hatten, halfen Bernstein im selben Jahr, Teile der „West Side Story“ in die „Symphonischen Tänze“ zu übertragen. In einer neuen, ununterbrochenen Sequenz auf Basis einer eher musikalischen denn inhaltlichen Ratio werden zunächst die Bandenrivalität im Prologue sowie die Träume nach Freundschaft, Friede und Harmonie in Somewhere und im Scherzo dargestellt. Es folgen die mitreißenden Rhythmen des Mambo während des kompetitiven Tanzes zwischen den Gangs und der Cha-Cha, bei dem sich Maria und Tony das erste Mal sehen. Ihr erster Wortwechsel wird in der Meeting Scene von zarten Streicherklängen umrahmt, bevor sich die Jets in Cool / Fugue im Zähmen ihrer Feindseligkeit versuchen. Der anschließende Rumble symbolisiert den Bandenkampf, in dem beide Anführer getötet werden. Die Musik steigert sich unaufhaltsam bis zum Höhepunkt, dem sich eine Flötenkadenz anschließt, die in das Finale überleitet. In tragischer Realität wird nach Marias „I have a love“ die Vision von „Somewhere“ erneut herauf beschworen. Der Zuhörer wird entlaßen mit dem Gefühl des Unerfüllten und dem Zweifel am Glück des irdischen Lebens.

Kerstin Paschke, Juni 2006
Friedrich Händel - Feuerwerksmusik

liegt nicht vor…

Gastdirigent: Nicholas McGegan

liegt nicht vor…

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