Juni 2009

Anatoli Konstantinowitsch Ljadow - Der verzauberte See op. 62 – Baba Jaga op. 56

„Wie schön der See ist, wie rein und mit Sternen und Geheimnissen in der Tiefe! Aber das Wichtigste ist die Abwesenheit von Menschen mit ihren Freuden und Leiden, eine tote Natur – kalt, böse, aber phantastisch – wie im Märchen.“ (Anatoli Ljadow)

„Der verzauberte See“ op. 62 von 1909 ist ein Orchesterwerk programmatischen Charakters. Sein Ursprung liegt in der Faszination, die für den Komponisten von einem „einfachen, russischen Waldsee“ ausging, wie er auch in Polinowka, der Sommerresidenz Ljadows, zu finden war. Die Grundidee zu op. 62 findet sich bereits in den Skizzen zu der geplanten Oper „Sorjuschka“ aus den 1880er Jahren. Das Werk zeigt die Darstellung einer statischen, geheimnisvollen Stille, ausgedrückt durch eine fortdauernde Sechzehntelbewegung in den Violinen. Weitere Motive und instrumentale Effekte wie die Imitation von Vogelstimmen oder das Andeuten des Sichkräuselns der Wasseroberfläche treten in Erscheinung, ohne die Ruhe des Grundklangs zu stören.

Am 21. 2. 1909 wurde das Werk unter der Leitung von Nikolai Cerepnin uraufgeführt.

Elisa Erbe, Juni 2009
Martin Romberg - The Tale of Taliesin für Saxophon und Orchester

Die phantastische Legende des walisischen Barden Taliesin, der als Sänger und Dichter am Hof des Königs Artus gewirkt haben soll, hat die Kreativität vieler Künstler über die Jahrhunderte inspiriert. Dass Taliesin auch eine historische Person war, die über die letzten fünfzig Jahre des sechsten Jahrhunderts an den Höfen dreier keltischer Könige wirkte, hat der Legende den Reiz nicht genommen.

Das neue Opus des jungen norwegischen Komponisten Martin Romberg nimmt diese Legende zum Ausgangspunkt. Im Geiste der heutigen Fantasy-Autoren, die in ihren Geschichten alte Legenden und Mythen in neuer Gestalt entstehen lassen, versucht Romberg, einer keltischen Mythosfigur neue Bedeutung zu verleihen.

Das Stück, geschrieben als ein sinfonisches Gedicht für Altsaxophon und großes Orchester, behandelt in acht zusammenhängenden, über ein Thema variierenden Teilen die Geschichte der ersten Lebensjahre des jungen Barden.

Schon vor seiner eigentlichen Geburt spielt die Vorgeschichte, in der er als Knabe Gwion in der „Anderswelt“ der schrecklichen Zauberhexe Ceridwen dient. Ceridwen hatte selbst einen Sohn, der so hässlich war, dass sie sich, um ihn zu trösten, entschied, aus ihm den größten Barden aller Zeiten zu machen. Um das zu realisieren, braute sie in ihrem gewaltigen Hexenkessel einen Zaubertrank, der dem Trinker die Kraft verleihen würde, sofort alle Weisheiten der Welt zu erfahren. Durch ein Ungeschick landen allerdings drei Tropfen des Gebräus auf der Zunge Taliesins, und er wird im gleichen Moment zu einem mächtigen Zauberer.

Nun startet eine wilde Verfolgungsjagd, bei der Ceridwen versucht, Gwion zu töten als Rache dafür, dass er die Zauberkräfte, die für ihren Sohn gedacht waren, gestohlen hat. Mit seinem neuen Wissen verwandelt Gwion sich in einen Hasen, sie verfolgt ihn aber als Jagdhund; er verwandelt sich in einen Fisch, sie sich in einen Otter; er verwandelt sich in einen kleinen Vogel, sie sich in einen Falken, aber es gibt zum Schluss kein Entkommen. Verzweifelt versucht er sich zu verstecken, indem er sich in ein einziges Getreidekorn verwandelt, sie aber frisst ihn als Henne auf, und so beginnt für ihn eine lange Nacht im Bauch Ceridwens.

Ceridwen entdeckt schnell, dass sie durch das Körnchen schwanger geworden ist, und neun Monate später wird Gwion als Taliesin wiedergeboren. Ceridwen, die sich entschlossen hatte, das Kind sofort nach der Geburt umzubringen, bekommt auf einmal Mitleid mit dem Kleinen, weil es das schönste Kind ist, das sie jemals gesehen hat. Statt es zu töten, setzt sie es in einem Korb auf dem Meer aus, und so treibt es hilflos umher, bis es von dem unglücklichen Sohn eines mächtigen Edelmannes gefunden wird.

Der Sohn namens Elphin beschließt, das Kind zu sich zu nehmen, und wird so zu Taliesins Stiefvater. Der Junge wächst wunderlich schnell auf, und als er zwölf Jahre alt ist, zieht Elphin den Zorn des Königs auf sich, indem er behauptet, Taliesin sei dem Barden des Königs ebenbürtig und bereit, in einem Wettbewerb gegen diesen anzutreten. Nachdem Taliesin durch seine Zauberkräfte den Wettbewerb spielend gewinnt, sinnt der König auf Rache und fordert Taliesin zu einem Pferdewettrennen heraus. In diesem Rennen wird er gezwungen, auf dem alten faulen Ross Dobbin zu reiten, während die Reiter des Königs die schnellsten Pferde des Landes haben. Kein Problem für Taliesin, der alles so hinzaubert, dass noch bevor die Reiter des Königs die Ziellinie erreichen, alle Pferde zu tanzen beginnen. So gewinnt Taliesin das Rennen und die Ehre seines Stiefvaters zurück.

Juni 2009
Edward Elgar - Enigma, 14 Variations on an Original Theme op. 36

Eine kleine Melodie, die Edward Elgar (1857–1934) am 1. Oktober 1898 zufällig auf dem Klavier spielte, gefiel seiner Frau Alice so gut, dass sie zum Ausgangspunkt für die Komposition seiner Enigma-Variationen op. 36 wurde. Als „Variations on an Original Theme“ verfasste der englische Komponist 14 Variationen, deren musikalische Gestaltung sich auf die Eigenschaften von Personen aus Elgars persönlichem Umfeld bezieht. Anfang 1899 schickte er seine Komposition an Hans Richter, unter dessen Leitung sie am 19. Juni 1899 in London in der St. James Hall uraufgeführt wurde.

Auf wen oder was sich die einzelnen Variationen beziehen, verschlüsselte Elgar jedoch, indem er ihnen nur Initialen voranstellte.

Das Enigma (dt. „Rätsel“, „Mysterium“) in Elgars Komposition ist allerdings nicht nur auf eine Verschlüsselung der einzelnen Variationen beschränkt; in einer Programmheftnotiz zur Premiere sprach der Komponist von einem größeren Thema, einem Hauptthema, das im gesamten Werk enthalten sei, aber nie gespielt werde. Trotz einer Vielzahl von Lösungsversuchen steht eine allgemein akzeptierte Erklärung für dieses Rätsel bisher noch aus.

Bis auf Nr. 13 gelten die Variationen als eindeutig dechiffriert:
Die 1. Variation (C. A. E.) bezieht sich auf Elgars Frau Alice und beschreibt die Melodie, die der Komponist zufällig auf dem Klavier spielte.
Nr. 2 (H. D. S.-P.) erinnert an Elgars Freund Hew David Stewart-Powell.
Die 3. Variation (R. B. T.) imitiert den Schauspieler Richard Baxter Townshend und die extremen Wechsel in seiner Stimmhöhe.
Nr. 4 (W. M. B.) markiert das energische Auftreten William Meath Bakers.
Die 5. Variation (R. P. A.) ist Richard Arnold, Sohn des Dichters Matthew Arnold, gewidmet.
Die 6. Variation (Ysobel) mit der Melodie in der Bratsche bezieht sich auf Elgars Schülerin Isabell Fitton.
Die 7. Variation (Troyte) meint Elgars Freund Arthur Troyte Griffith, mit dem er einst in ein Unwetter geriet. Zuflucht fanden sie im Haus von Winifred Norbury, Sekretärin der Worcestershire Philharmonic Society, der die Variation Nr. 8 (W. N.) gewidmet ist.
Die 9. Variation (Nimrod) beschreibt Elgars engsten Freund August Jäger und ist auch als Einzelstück sehr beliebt geworden.
Die 10. Variation (Dorabella) zeigt das Stottern und Lachen von Dora Penny.
Nr. 11 (G. R. S.) beschreibt Dr. G. R. Sinclair und dessen Bulldogge Dan. Elgar verwertet hier auch das Erlebnis, dass Dan bei einem gemeinsamen Spaziergang in Wales in den Fluss Wye sprang.
Die 12. Variation (B. G. N.) schildert Elgars Freundschaft zu dem Cellisten Basil Nevinson.
Nr. 13 (***) beinhaltet ein Zitat aus Felix Mendelssohn Bartholdys Ouvertüre „Meeresstille und glückliche Fahrt“ op. 27 und bezieht sich neben Lady Mary Lygon vermutlich auch auf Elgars ehemalige Verlobte Helen Weaver.
Der Titel der 14. Variation (E. D. U.) beschreibt den von Alice benutzten Spitznamen für den Komponisten selbst. Elgar greift hier Themen aus den Variationen 1 und 9 wieder auf. Nach der Uraufführung wurde diese Variation noch um 100 Takte erweitert.

Elisa Erbe, Juni 2009
Solistin: Ola Asdahl Rokkones

Ola Asdahl Rokkones, geboren 1983 in Oslo in Norwegen, ist einer der wenigen Saxophonisten, der sowohl Jazz als auch klassische Musik auf professionellem Niveau spielt. Er studierte bei Jean-Yves Fourmeau in Paris und bei Vibeke Breian, Jan-Gunnar Hoff und John-Pål Inderberg in Tromsø in Norwegen. Mit einer großen Vielfalt an Ausdrucksmöglichkeiten spielt er sowohl zeitgenössische Musik, Kirchenmusik, traditionellen und modernen Jazz wie auch Tango, Musik vom Balkan und aus Afrika, Salsa, Samba, Electronica und Noise.

Zur Zeit lebt er in Tromsø, nördlich des Polarkreises, und arbeitet als freischaffender Musiker und Bandleader. Er ist verantwortlich für zwei Festivals, das lateinamerikanische Festival „No Sieste, Fiesta“ und das Jazzfestival „Barentsjazz“. (Juni 2009)

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